Stinkt er schon?

Das letzte Mal als ich Achim Preiß traf, erschien mir alles in Ordnung und wieder geregelt zu sein. Kurz zuvor während unseres ersten Treffens drohte er dem Allgemeinen aber mir ins Ohr: “Ich muss etwas essen, sonst werde ich am Ende noch stinkig.”

Heute scheint mir, recht besorgt, die von dem Weimarer Professor angestrebte Bazonnale verursacht soviel freudige Erregung, dass er das Essen ganz vergessen hat. Denn ließt man seinen heutigen Kommentar, gibt es nur einen Schluss: “Er ist stinkig.”

Stinkig ist nichts negatives, hat Damien Hirst doch gerade Gammelfleisch mit Fliegen zur höchsten Kunst deklariert, zu sehen bei Haunch of Venison Berlin.

Das war jetzt nicht auf Herrn Preiß bezogen, sondern nur ein Knopf, der gedrückt wurde, für einen Lacher.

Knöpfe ist ein passendes Motiv, denn die Bazonnale selbst versucht diese zu drücken.

Knopf 1: Man entscheidet sich für ein plakatives Thema.

Herr Preiß, ich bleibe beim Inhaltlichen. Ich finde es gut, dass Sie Lust gewählt haben. Aber auch sehr langweilig. Gut, weil ein solches Thema mobilisiert. Langweilig das Ergebnis lautet: Titten, Ärsche, Schwänze, Sperma.

Gegenbeispiel 1: Heute fand ich im Netz, durch Zufall, das perfekte Gegenbeispiel zu 90% der von Ihnen ausgestellten Werke. Es beinhaltet alle Reize, die in Ihrer Ausstellung vielfach benutzt werden, hat aber einen Witz, der ist fast unschlagbar. Selbst Helge Schneider ist da gescheitert. Ein großes Lob an Ondrej Brody & Kristofer Paetau.

Knopf 2: Gigantomanie

In den Äußerungen über die Bazonnale ist meist von 500 Exponaten die Rede. Besucht man die Website, sind nun lediglich 443 zu sehen. Das macht genau 11,4 % weniger als angegeben. Man kann entschuldigen, dass vielleicht nicht alle Exponate dokumentiert sind. Aber liegt dann nicht 450 näher als 500? Mir macht es nichts aus, dehne ich wahrheitsnahe Aussagen doch auch gerne. Nur in Bezug auf das Thema Lust, hat dieses Zahlenspiel den Anschein, dass Sie vermitteln wollen, Ihr Fisch sei größer.

Gegenbeispiel 2: Nicht, dass ich hier falsch verstanden werde. 500 Exponate in einem Raum ist super. Es gibt eine Vielfalt und damit ein Potential. Nur ist es kein Rezept. In Hamburg gibt es den Nachtspeicher 23. Der ist ganz klein. Aber sie ziehen internationale Künstler an und bieten ein super Programm.

Knopf 3: Demokratie

Die Bazonnale folgt dem modernem Anstand. Der besagt: Es ist alles erlaubt, solange es auf freiwilliger Basis geschieht und sich innerhalb dem gesetzlichen Rahmen bewegt. Dieser universelle Ansatz, der hier nicht als Suche oder Experiment verstanden sondern als Ideal erhoben wird, ist Dünnpfiff.  - Sie sehen, ich durchbreche dieses Ideal, in dem ich meine Wertung rein bringe. - Der Anstand funktioniert auf sexueller Ebene, auf der sich Individuen einigen. Bei der Bazonnale gab es jedoch diese Ebene meines Wissens nicht. Ich meine die Einigung. Die einzigen gemeinsamen Nenner sind: Ich stelle meine Kunst dort aus. Ich behaupte meine Kunst hat Lust zum Gegenstand. Ich bin bereit meine Kunst nach Weimar zu bringen und wieder fortzuschaffen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Vorwurf der Beliebigkeit auftaucht. Im Gegenteil, warum sollte ein Journalist sich bewegen, wenn Sie ihm das Futter reichen.

Gegenbeispiel 3: Die auf der Bazonnale überhöhte Verneinung der Rolle eines Kurators, sei es in Persona oder als demokratische Einheit, verzerrt das bestehende Bild der Lust. Die Erhöhung erinnert fast an Exodus 20,2: Ich Bazon, das Bazonnale, nix anderes Bazon Du bekommen. So entsteht eine Ansammlung und keine Schau. Arbeiten wie die von Sigalit Landau und David Wojnarowicz fehlen ganz und könnten der Ansammlung mehr Tiefe geben, wenn wir schon über Fische diskutieren.

Zum Glück geht es nicht um Fische. - In der Lust erfahrene Menschen mögen mir dieses Einlenken nun verzeihen, denn die Erfüllung der Lust geht oft nicht ohne vorhergegangene Versöhnung. - Nein, bei der Bazonnale geht es um Kunst. Um ein Experiment. Und wie es nun einmal mit solchen Dingen ist, sie haben ihr Eigenleben. Und das kann sich sehen lassen. Denn 443 Exponate, was ja fast 500 sind, wurden nach Weimar gebracht und mindestens 43 sind sehenswert. Mehr als in manch anderer Ausstellung. Dafür lohnt sich die Reise.

Ebenfalls zeigt die Ausstellung das Lustempfinden in der Breite. Vielleicht macht es jemanden ja Lust.

Wenn der Wonnemonat Mai sein übriges dazu gibt, stinkt ganz Weimar dann nach Fisch.

Herr Preiß guten Appetit, vergessen Sie das Essen nicht.

Gruß

Theo Feig

Ein Kommentar

  1. schrieb am 20. Mai 2010 um 21:36 | Permalink

    Lieber Theo Feig,
    ich habe ganz ungeduldig auf Ihren Kommentar gewartet. Und ja, Sie haben recht, es gibt eine ganze Menge, die man lernen muss, wenn man eine Veranstatung wie diese auf die Beine stellt und wiederholen will - und noch dazu in der Provinz. Aber es ist ungeheuer spannend ein solches Experiment zu wagen, auch wenn man so manche Eigenverlebendigung erst bemerkt, wenn sie sich längst selbständig gemacht hat. Das macht aber nichts, denn auch die Organisation so einer Ausstellung ist ein kreativer Prozess, der durch Übung nur besser werden kann. Und immerhin zeigt die verräterische Datenbank 206 Künstler an :)
    Danke und Grüße

Ein Trackback

  1. von Theo Feig » Betriebsblind am 18. Mai 2010 um 16:47

    [...] 18. Mai 2010 Stinkt er schon? Antwort auf den Kommentar von Achim Preiß Dieser Artikel wurde von theofeig am 20. April 2010 um 22:00 veröffentlicht und unter Theo Feig schrieb sowie den Tags bazonnale. lust, Kunst, messe, Norbert Bisky einsortiert. Permalink speichern. Abonniere die Kommentare mit dem RSS feed für diesen Artikel. Schreibe einen Kommentar oder sende einen Trackback: Trackback URL. « In der Presse Erste Auswirkungen » [...]

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